Sterngucker stirbt durch Schlag mit Torfspaten

Neuer historischer Roman „Die holländische Brille” von Lothar Englert gibt Einblicke in das Leben und Wirken des ostfriesischen Astronomen David Fabricius.

Aurich. Einst dachte die Menschheit, die Erde wäre das Zentrum des Universums und sämtliche Planeten würden sich um sie drehen. Jemand, der mit dazu beigetragen hat, dieses geozentrische Weltbild ins Wanken zu bringen, war der ostfriesische Pastor und Astronom David Fabricius. Er ist der Protagonist des gerade erschienenen historischen Romans „Die holländische Brille“ aus der Feder des Auricher Bestseller-Autors Lothar Englert („Friesische Freiheit“) .

Als David Fabricius 1564 in Esens geboren wird, ist Martin Luther nicht einmal 20 Jahre tot. Die Auseinandersetzungen zwischen Reformation und Gegenreformation sind trotz des Augsburger Religionsfriedens von 1555 längst nicht beigelegt. Hinzu kommt, dass die Anhänger der Reformation untereinander zerstritten sind. Lutheraner und Calvinisten stehen sich beinahe genauso unversöhnlich gegenüber wie Protestanten und Katholiken. Ostfriesland bleibt von diesem Konflikt nicht verschont.

Während das regierende Grafenhaus Cirksena lutherisch geprägt ist, entsteht rund um die prosperierende Hafenstadt Emden eine calvinistische Enklave, die von den niederländischen Generalstaaten unterstützt wird. Diese befinden sich in scharfer Opposition zum deutsch-römischen Kaiserhaus der Habsburger, welche wiederum die Speerspitze der katholischen Gegenreformation bilden. In solch' unruhigen Zeiten ausgerechnet Theologie zu studieren, stellt also durchaus ein gewisses Wagnis dar. David Fabricius nimmt die Herausforderung dennoch an, zumal er buchstäblich nach Höherem strebt. Bereits in jungen Jahren gilt seine Faszination den Sternen. Dafür bietet der Job des Vaters, der als Schmied arbeitet, kaum nennenswerte Perspektiven. Nach erfolgreich absolviertem Studium wird David Fabricius 1584 Pastor in Resterhafe und betreibt nebenher seine astronomischen Studien .

Politisch herrscht damals in Ostfriesland das blanke Chaos. Gräfin Anna, die Gattin des 1540 verstorbenen Regenten Enno II., hat die Primogenitur (Thronfolge des Erstgeborenen) abgeschafft und die Regierungsgewalt auf ihre drei Söhne verteilt. Einer stirbt 1566. Übrig bleiben Johann II., der wie seine Mutter mit den Calvinisten sympathisiert und der dem Beispiel seines Vaters folgend lutherisch orientierte Edzard II. Der Tod von Johann 1591 bringt lediglich kurzfristige Entspannung. Die Emder pochen auf ihre Eigenständigkeit und setzen diese 1595 mit tatkräftiger Unterstützung der Generalstaaten per Revolution durch. Edzard II. drohen die Zügel komplett aus den Händen zu gleiten. Da mutet es fast ein wenig hilflos an, wenn er regelmäßig finanzielle Zuwendungen von den Habsburgern erhält. Abgesehen davon kann und will ihm der deutsche Kaiser, der fernab von Ostfriesland in Prag residiert, nicht weiter helfen.

Unter Enno III., der den 1599 verstorbenen Edzard II. ablöst, setzt sich die Führungsmisere praktisch nahtlos fort. Immerhin, auf David Farbricius hält der neue Herrscher große Stücke. Er lässt den Pastor 1603 nach Osteel versetzen und macht ihn 1604 zum Hofprediger. Als Astronom ist David Fabricius inzwischen eine international anerkannte Kapazität. Unter anderem hat er im Sternbild Walfisch einen Stern entdeckt, den er aufgrund seiner variablen Helligkeit „Res Mira“ („wunderbare Sache“) tauft. Er wird zum Prototypen für veränderliche Himmelskörper, welche davon abgeleitet bis heute als Mira-Sterne bezeichnet werden. Über seine Forschungen tauscht sich der Ostfriese mit den führenden Köpfen seiner Zeit aus. Zwischen 1601 und 1609 sind allein 40 Briefe mit Johannes Kepler überliefert. Dem aus Dänemark stammenden Tycho Brahe stattet Fabricius zwei Mal einen persönlichen Besuch ab, zuletzt kurz vor dessen Tod 1601 in Prag. Das notwendige Kleingeld für die kostspielige Reise stammt aus der Schatulle von Enno III., der zudem das Medizinstudium von Davids Sohn Johann maßgeblich finanziert.

Den Arztberuf betrachtet der junge Fabricius jedoch lediglich als ein Standbein. Wie der Vater interessiert auch er sich für Astronomie. Als er aus seinem Studienort Leiden eine neuartige „holländische Brille“ - nämlich ein Fernrohr - nach Osteel mitbringt, können beide damit 1611 zweifelsfrei die Existenz von Sonnenflecken nachweisen. Obwohl sie nicht die Ersten sind, findet eine wissenschaftliche Abhandlung, die Johann darüber verfasst, in Fachkreisen enorme Beachtung. Lediglich unmittelbare Konkurrenten, wie zum Beispiel Galileo Galilei, der bereits 1610 Veränderungen auf der Sonne beobachtet hat, ziehen es vor, die Forschungsergebnisse aus Ostfriesland in ihren Arbeiten lieber mit keinem Sterbenswörtchen zu erwähnen. Wenn der legendäre italienische Astronom heute weitaus bekannter ist als sein Kollege aus dem hohen Norden Deutschlands, mag das mit an dessen frühem Tod liegen. Johann Fabricius stirbt um die Jahreswende 1616/1617 im Alter von knapp 30 Jahren unter nicht näher geklärten Umständen auf einer Reise nach Basel, wo er sich gerade anschicken will, seinen Doktortitel zu erwerben. Vater David überlebt den Sohn nur um wenige Monate und stirbt ebenfalls auf recht mysteriöse Weise. Weil ein Bauer sich durch eine Predigt als Dieb bloßgestellt fühlt, lauert er dem Pastor bei einem Spaziergang in Osteel auf und erschlägt ihn am 7. Mai 1617 mit einem Torfspaten.

Diese Bluttat und der Gerichtsprozess stehen am Anfang und am Ende von „Die holländische Brille“ und bilden damit den Rahmen für die Geschichte. Wie schon zuvor in „Friesische Freiheit“ vermischt Lothar Englert abermals geschickt sorgfältig recherchierte Fakten mit reiner Fiktion. Einige seiner Charaktere wie zum Beispiel der gräfliche Rat Hans von Münch oder der Drost Johann Malisius sind frei erfunden. Wer minutiöse historische Präzision verlangt, wird von diesem Roman darum wohl eher enttäuscht werden. Nichtsdestotrotz lohnt die Lektüre, weil der Autor die wirklich wichtigen geschichtlichen Zusammenhänge nachvollziehbar auf den Punkt bringt und ganz nebenbei exzellent den Zeitgeist einfängt. Denn wie so oft setzen sich die neuen Ideen nicht von heute auf morgen durch. Wenngleich Tycho Brahe und David Fabricius das bis dahin von der Obrigkeit als Gott gewollte propagierte geozentrische Weltbild hinterfragen, stellen sie es keineswegs grundsätzlich in Frage. Keplers These, Planeten würden elliptische Bahnen ziehen, hält Fabricius wie viele seiner Zeitgenossen für Ketzerei. Die Begründung klingt aus heutiger Perspektive betrachtet absurd: Als Teil des perfekten göttlichen Schöpfungsplans haben die Planeten gefälligst schöne runde Kreise zu ziehen und nicht irgendwelche krummen Ellipsen. Dass die Flecken auf der vermeintlich lupenreinen Sonne ebenso wenig der zu Beginn des 17. Jahrhunderts vorherrschenden theologischen Lehrmeinung entsprechen, steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt.

Anerkanntermaßen helle Geister wie Galileo oder Kepler kriegen bei aller Wertschätzung ihrer Pionierleistung in „Die holländische Brille“ jedoch genauso ihr Fett weg. Die Forschergenies entpuppen sich irgendwo auch als geschickte Marketing-Strategen, die ihre Arbeit und sich selbst gut zu verkaufen verstehen. Dies lässt sich ebenso durch zeitgenössische Quellen belegen wie die Tatsache, dass die Briefwechsel und persönlichen Treffen den Wissenschaftlern nicht selten dazu dienen, sich gegenseitig auszuspionieren. Was die Politik betrifft, moniert Lothar Englert in „Die holländische Brille“ wie schon in seinem Vorgängerroman einmal mehr die Uneinigkeit, die den einst „freien Friesen“ erneut zum Verhängnis wird. Die Situation spitzt sich zu, als Enno III. in einem letzten Verzweiflungsakt eine Kehrtwende vollzieht und bereit ist, Ostfriesland in die Niederlande einzugliedern. Der Versuch scheitert, wenngleich der Einfluss der Nachbarn anhält. Allerspätestens mit dem 30-jährigen Krieg, in dem das eigentlich neutrale Ostfriesland zu einem Rückzugsgebiet für plündernde Söldnertruppen wird, erweist sich diese Verbindung als Pakt mit dem Teufel. Parallel dazu zeichnet sich der unweigerliche Niedergang der Cirksenas ab und wird rund ein Jahrhundert später durch die Machtübernahme Preußens im Jahre 1744 endgültig besiegelt. wj

H Lothar Englerts historischer Roman „Die holländische Brille“ (ISBN: 978-3-939689-51-5) ist im Leda Verlag erschienen und kostet 9,90 Euro .

Aurich vom Sonntag, 28. Oktober 2012, Seite 6 (452 Views)

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