Tod auf Juist. Prozess gegen Iserlohner mit Anklageverlesung eröffnet.

Aurich. Vor dem Landgericht Aurich ist jetzt der Prozess gegen einen 24-jährigen Iserlohner eröffnet worden, der sich wegen Totschlags vor dem Schwurgericht verantworten muss. Die Anklage legt ihm zur Last, am 25. Juli vergangenen Jahres am Strand von Juist eine 23-jährige Psychologiestudentin im Streit geschlagen, gewürgt und mit Sand erstickt zu haben. Die Eltern sowie Bruder und Schwester des Opfers nehmen als Nebenkläger mit ihren Anwälten am Prozess teil .

Sie hörten eine Erklärung des Angeklagten, die von Verteidiger Ingo Dykstra verlesen wurde. Der Angeklagte war dazu kaum in der Lage. Diesem brach bereits die Stimme, als ihn der Vorsitzende Richter Wolfgang Gronewold nach seinen Personalien befragt. Er schluchzte, war den Tränen nahe. Die Erklärung des Angeklagten war als Geständnis aufzufassen. Doch die Darstellung des Tatgeschehens gestaltete sich als lückenhaft, weil sich der Angeklagte daran nicht vollständig erinnern kann.

Schmächtiger Typ

Zwei Justizwachtmeister führten den Angeklagten an den Händen gefesselt in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts. Der junge Mann ist nicht hoch gewachsen, schmal, schmächtig, macht einen braven, ja beinahe biederen Eindruck. Am Abend des 25. Juli hatte der Angeklagte eine junge Frau in der Diskothek der Insel Juist getroffen. Beide arbeiteten als Saisonkraft auf der Insel. „Ich kannte sie, weil ich immer in der Bäckerei eingekauft habe, in der sie arbeitete“, legte der Angeklagte in der Erklärung nieder.

Am Abend vor der Tat war er offenbar noch in völlig anderer Stimmung gewesen. Mit einem Arbeitskollegen war er losgezogen, hatte Bier und Whisky getrunken. „Der Abend kam gleich ins Rollen. Wir waren kontaktfreudig“, verlas der Verteidiger. Der Iserlohner und die 23-jährige Frau aus dem Harz kamen sich näher, gingen gemeinsam an den Strand. „Sie nahm meine Hand“, hat der Angeklagte in seiner Erklärung niedergelegt. In einem Strandkorb tauschte man Zärtlichkeiten aus. „Es kam nicht zum angestrebten einvernehmlichen Geschlechtsverkehr“, hieß es nüchtern in der Anklage. Nach der schriftlichen Schilderung des Angeklagten begann damit ein Streit, der für die junge Frau tödlich endete .

Nach Angaben des Angeklagten soll die junge Frau ihn beleidigt und mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen haben. „Ich habe dann sofort zurückgeschlagen“, gab der Iserlohner zu. „Ich muss dann völlig ausgerastet sein.“

Als Spaziergänger die Leiche der jungen Frau am nächsten Tag fanden, war sie übel zugerichtet. Sie hatte Hämatome im Gesicht und andere Verletzungen. Der Angeklagte hatte laut Anklageschrift das Opfer gewürgt, den Schal, den die junge Frau um den Hals trug, zugezogen und ihr Sand in den Mund gestopft. Diese Schlussfolgerungen zieht die Staatsanwaltschaft aus den Erkenntnissen der Rechtsmediziner, wonach das Opfer erstickt ist. „Ich kann mich nicht daran erinnern“, so der Angeklagte .

„Panik bekommen”

Die junge Frau habe sich irgendwann offenbar beruhigt, so habe er zunächst geglaubt, aber dann festgestellt, dass sie sich überhaupt nicht mehr bewegte. „Da habe ich Panik bekommen“, heißt es in der Erklärung des 24-Jährigen. Er habe die Frau entkleidet, wisse aber nicht, was er mit ihren Kleidungsstücken gemacht habe. Ihren Körper verbuddelte er im Sand .

Am nächsten Morgen sei er aufgewacht. Alles sei wie im Traum, nicht real gewesen. Erst als er in der Bäckerei einen Kaffee gekauft und festgestellt habe, dass seine Bekanntschaft vom Vorabend nicht da war, sei er „wieder in der Realität angekommen“. Ihm sei schlecht geworden .

Für die beiden Freundinnen aus Münster und München, die gemeinsam auf Juist Urlaub machten, war die Realität am Morgen des 25. Juli die schockierendste ihres Lebens. „Ich habe mir extra ein Schüppchen gekauft, um einen kleinen Wall um unseren Strandkorb zu bauen“, erzählt die pensionierte Krankenschwester aus Münster. Dann habe sie ein schwarzes Textilstück an ihrem Strandkorb entdeckt, mit dem Schüppchen aufgehoben und weggeschleudert. Ihre Freundin habe noch ein helleres Stück entdeckt – groß wie eine Muschel oder Glasscherbe. Sie habe auch diesen Gegenstand mit ihrem Schüppchen „wegschleudern“ wollen. „Aber das war schwer und dann erkannte ich, dass es ein Arm war.“

Grausiger Fund

Ihre Freundin dachte zunächst an eine Puppe, doch als der Arm schlaff zurückfiel, glaubte sie nicht mehr daran. Der hinzugerufene Strandkorbwärter untersuchte den Fundort schließlich etwas genauer. „Dann habe ich ein Stück vom Kopf gesehen und erkannt, dass es eine junge Frau ist“, sagt die Zeugin .

All das hörten auch die Eltern, der Bruder und die Schwester des Opfers. Die Angehörigen sind als Nebenkläger zum Prozess zugelassen und jeder durch einen Anwalt vertreten. Der Vater der getöteten Frau versuchte zwar, die Öffentlichkeit ausschließen zu lassen. Doch das war vergebens. „Die Tat geschah in der Öffentlichkeit auf einer Urlaubsinsel“, argumentiert Richter Gronewold. Persönlichkeitsrechte des Opfers, die es zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens dringend zu schützen gelte, seien nicht zu erkennen .

H Der Prozess wird am 4. Februar fortgesetzt. mari

Aurich vom Sonntag, 26. Januar 2014, Seite 6 (22 Views)

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